Letzte Woche ging die aufrüttelnde Meldung durch alle Medien: “FDP fordert staatliche Streusalzreserve!” Eine großartige Idee wie ich finde, nur ist sie so politisch wie das Straßenfest bei mir um die Ecke. Nach 100 Tagen Klientelpolitik hat man den Eindruck, als wolle die FDP endlich mal wieder eine Pressemeldungmitteilung veröffentlichen, die nicht von allen zerrissen wird.
Das Versagen (oder die Nichtexistenz?) einer liberalen deutschen Partei gibt Anlass zur Frage: Was ist aus dem Liberalismus geworden?
Bei einem Seminar mit dem Walter Eucken Institut hatte ich neulich die Chance, (neo)liberale Konzepte einmal näher kennen zu lernen und den häufig als Kampfbegriff verwendeten Term “Neoliberalismus” aus anderer Sichtweise zu entdecken. Unter diesem Begriff verbergen sich heute tausende Forschungsrichtungen, die sich teilweise widersprechen. Der Referent aus Freiburg betonte, dass neoliberale ForscherInnen heute eine Ordnungspolitik propagieren, die mit dem “real existierenden Neoliberalismus” (aus dem Gründungsaufruf des ISM) nicht viel zu tun hat: Wo der Markt versagt, also zum Beispiel in der Umweltpolitik ist ein staatliches Eingreifen explizit gewollt. Der Vertreter des Eucken-Institutes nannte deshalb die FDP eine “klientelgeleitete” Partei, die mit Neoliberalismus nichts zu tun hätte. Der Neoliberalismus hat sich gerade gegründet, um aus den Fehlern des Laissez-faire im 19. Jahrhundert zu lernen. Deshalb verfolgt zumindest die Freiburger Spielart des Liberalismus eine Ordnungspolitik, die nichts mit Thatcherism zu tun hat, sondern vielmehr mit Gerhard Schick, der auch am Eucken-Institut gearbeitet hat und als dezidiert sozialpolitisch gilt. So gut mir die bis dahin vorgetragenen Konzepte gefielen, die sich auf die Freiburger Schule berufen; meine erste Irritation setzt doch beim Besuch der Website ein. Hier wird beispielsweise Friedrich August von Hayek verehrt, der eine vollkommen marktradikale Position vertrat und etwa Steuern als milde Form des Raubs bezeichnete.
Ein zweiter Knackpunkt in der Auseinandersetzung ist der folgende: Der Referent forderte uns des öfteren auf, zwischen “Prinzipien– und Klugheitsargumenten” zu unterscheiden. Das Prinzip sei im Neoliberalismus das frei sich entfaltende Individuum. Hierfür würde das Klugheitsargument “Markt” als bestes Mittel angeführt, um die Freiheit der Individuen zu gestalten. Die linke Kritik am marktvergötternden Liberalen sei also falsch. Nun ist es aber in realiter so, dass das Mittel von vielen Neoliberalen als unausweichlich angesehen wird, dass es vergöttert, oktroyiert und auch exportiert wird. Beispiele hierfür sind die WTO, wo Länder des Südens in zynischer Weise dazu gezwungen werden ihre Märkte zu liberalisieren, um Schulden erlassen zu kriegen, die sie wegen unterregulierten Kreditgeschäften haben. Oder der Sturz einer linken Regierung in Chile im Namen des freien Wettbewerbs durch die USA. Hierfür kann erst einmal kein liberaleR IntellektuelleR etwas, klar. Aber wenn Marx (zurecht) das reale Versagen seiner Theorie vorgeworfen werden kann, dann kann Hayek auch die verheerende Wirkung eines entsolidarisierten, sich entpolitisierenden Systems vorgeworfen werden, das seine Individuen einem ständigem Konkurrenzkampf aussetzt.
Eine generelle Überlegung zum Liberalismus ging mir auch nach dem Seminar noch durch den Kopf: Die Anthropologie ist in sich widersprüchlich: Eigentlich propagieren Liberale DenkerInnen (im Gegensatz zum Sozialismus oder Konservatismus), dass der Mensch fähig ist, selbstbestimmt zu leben und zu interagieren und, dass er nicht in feste Bahnen gezwängt werden muss. Dieses eher positive Menschenbild wird konterkariert durch den Glauben an den Markt und einen zwingenden Konkurrenzkampf wo jeder für sich steht und nutzenmaximierend handelt.
Mein Stolz in der Stadt der Freiburger Schule zu leben hält sich nach wie vor in Grenzen.


