Die USA können sich am Dienstag wohl noch kurz vor dem Staatsbankrott retten. Dass ein eventuelles Scheitern politisch und nicht ökonomisch motiviert ist – und die Welt vor den Streithähnen am Kapitol zittert – suggeriert allerdings nur ein Schauspiel an der Oberfläche und ignoriert die strukturellen Faktoren, die zur Staatspleite führen, in fast so unverfrorener Weise wie es Frau Merkel tat, als sie den Griechen Faulheit vorwarf.
Die ökonomische Theorie geht davon aus, dass Kapitalgeber ihr Kapital gerade dort anlegen, wo es die höchste Rendite bringt. Diese Annahme hat sich jedoch bereits in den 1980ern in ökonomisch armen Staaten nicht bestätigt. Dort war eine Erwirtschaftung der Zinsen aus verschiedenen Gründen nicht möglich. Dies führte zu einer erneuten Kreditaufnahme und damit zu einem weiter wachsenden Schuldenstand, der nicht selten im “Staatsbankrott” endete.
Die Geschichte von Krediten ist eine Geschichte von Abhängigkeiten und Machtverhältnissen. Wer fette Zinsen auf seine Spareinlagen kassiert, bekommt das von der armen Sau bezahlt, die auf ihrem Konto Schulden hat. Ohne diese Säule des Kapitalismus gäbe es weitaus weniger Investition und Innovation, denn irgendjemand muss Projekte ja vorfinanzieren.
In den 1980ern war es nun relativ einfach: Einige hoch verschuldete Staaten des globalen Südens wurden von den westlichen Schaltzentren über die Weltbank und den IWF ausgequetscht bis nichts mehr ging. Es gab Opfer und es gab Täter.
Heute glauben nur Verschwörungstheoretiker an staatliche Opfer (USA) – Täter (China) – Zuschreibungen. Als ob China, dessen Währung an den Dollar gekoppelt ist und dessen Auslandsinvestitionen zu einem erheblichen Teil in den USA liegen, froh über eine Staatspleite der Staaten wären. Heute ist das kapitalistische System so verflochten, dass der Fluss internationaler Investitionen, Reinvestition, Anleihen und Kapitalanlagen kaum mehr nachvollzogen werden kann.
Eine Logik bleibt aber bestehen: Verdient wird durch Zinsen und die werden nicht mit nachhaltiger Bildungs- und Sozialpolitik verdient, sondern im Investmentbanking. Wer will der Deutschen Bank verdenken, dass sie 97% ihrer alljährlichen Rekordgewinne dort erwirtschaftet – und nicht im traditionellen Bankgeschäft. Wenn Irland, Griechenland, Portugal und vielleicht bald die USA knapp vor der Staatspleite stehen, bekommen die Menschen plötzlich Angst. Und selbst die großen Kreditunternehmen wünschen sich keine Staatspleiten. Doch jedeR nutzt privat und geschäftlich die maximal zu erwirtschaftende Rendite. Was regt ihr euch jetzt so auf?
Denn selbst die mächtigen Institute agieren nicht als singuläre SpielerInnen. Entscheidend ist jedeR einzelne MitarbeiterIn, jede Computerfunktion, die auf maximalen Gewinn ausgerichtet ist. All diese gemeinsam erzeugen eine Dynamik, die von niemandem mehr zu kontrollieren ist und die als Summe ihrer Teile Krisen nie antizipieren kann. Neben der Kurzsichtigkeit nationaler Politiker erwirkt eben auch das System Kapitalismus diese Krisenhaftigkeit. Denn ohne Schulden keine Zinsen und ohne Zinsen kein Kapitalismus.